Lyrik

VIELLEICHT

 

ich habe noch gedanken irgendwo

aus dem letzten jahr

kaum gebraucht

und so gut wie neu

 

ich krame sie hervor

wenn du magst

aus dem alltagsmüll

sie müssen noch irgendwo sein

 

vielleicht kannst du ja

etwas anfangen damit

ich schenke sie dir gern

für mich waren sie irgendwie immer

 

zu unbequem.

 

 

 

 WINTERTAG AM RHEIN

 

Leise fließt der Strom. Der Tag steht still.

Und Bäume recken ihre dürren Äste

Stumm in den Himmel hoch. Es ist das Beste

Was jetzt zu tun bleibt. Möwen kreischen schrill.

 

Langsam fließt der Tag. Ganz ohne Ziel

Und Vögel sitzen auf geknickten Zweigen

Stumm frierend aufgereiht. Nur manche neigen

Noch einmal ihren Kopf. Als sei dies schon zu viel.

 

Eis säumst unsern Weg. Die Luft ist kalt.

Und Menschen strecken ihre steifen Hände

Stumm nacheinander aus. Es ist das Ende

Geteilter Einsamkeit. Und wir werden alt.

 

 

 

 

NOCH EINMAL DAVONGEKOMMEN

 

 

Aus dem Nichts, eines Morgens

Kam der Frühling

Und die Natur explodierte.

 

Wäre ich aufgestanden

An diesem Tag

Nur einen Schritt vor die Türe gegangen

 

Hätte ich diesen Anschlag

Auf meinen Trübsinn

Kaum unbeschadet überstanden.

 

 

 

GLOBALISIERUNG (EIN MODERNES MÄRCHEN)

 

 

Zu einer Zeit

Als die Menschen in Höhlen hausten

Diente die Horde dem Einen

Der sie führte

Manchmal litten sie Hunger

Um ihn zu sättigen

Doch er führte sie gut

 

Zu einer Zeit

Als die Menschen Burgen bauten

Dienten die Bauern dem Herrn

Der das Land beherrschte

Oft litten sie Hunger

Er war meistens satt

Und er führte sie

 

Zu einer Zeit

Als die Menschen die Welt vernetzten

Dienten die Dritten den Ersten

Die sie brauchten

Immer litten sie Hunger

Opferten den Nimmersatten

Und niemand führte sie…

 

 

 

feldspaziergang, morgens

 

im raureif vergangene nachtgedanken

gefangen in spinnennetzen die

erzittern im morgenrot

die hungrige spinne

 

unbeachtet, dies alles

vom kreisenden habicht

ellipsenbahnen unter dem blaukalten

mond auf opferjagd

 

wie kann ich umgeben vom tod

über die aufgehende sonne

schreiben weil mich das alles nichts

angeht

 

ich der morgenphilosoph mit

dackel und coffee to go

greife zum haustürschlüssel und bringe

einen strom kalte luft mit hinein.


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© Christian Brune-Sieren 2023